Kaum eine Branche verändert sich derzeit so grundlegend wie das Gesundheitswesen. Telemedizin, künstliche Intelligenz und digitale Patientenservices wandern aus der Nische in die Regelversorgung. Für Gründer entsteht daraus ein Markt mit großem Potenzial, aber auch mit hohen Hürden.

Patienten recherchieren Symptome online, buchen Termine per App, sprechen per Video mit Ärzten und lösen E-Rezepte in der Apotheke ein. Gleichzeitig baut der Gesetzgeber die digitale Infrastruktur aus, von der elektronischen Patientenakte bis zu neuen Regeln für Gesundheitsdaten.

Dieser Beitrag ordnet ein, was sich 2026 konkret verändert, wo die Grenzen digitaler Medizin liegen und welche Chancen sich für Health-Startups ergeben.

Kurz erklärt: Was ist Telemedizin?

Telemedizin bezeichnet medizinische Versorgung über räumliche Distanz mithilfe digitaler Kommunikation. Dazu gehören vor allem:

  • Videosprechstunden zwischen Ärztin oder Arzt und Patient
  • Telekonsile, bei denen sich Fachleute untereinander zu einem Fall austauschen
  • Fernüberwachung, etwa von Vitalwerten bei chronischen Erkrankungen
  • Digitale Anamnese und Verordnung, zum Beispiel per Fragebogen und E-Rezept

Telemedizin ersetzt den Praxisbesuch nicht vollständig. Sie ergänzt ihn dort, wo keine körperliche Untersuchung nötig ist.

Von der Videosprechstunde zur digitalen Plattform

Ausgangspunkt der Entwicklung war die Videosprechstunde. Kassenärzte dürfen sie heute in fast allen Fällen anbieten, auch bei Patienten, die sie vorher nicht kannten. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung gilt seit April 2025 eine Obergrenze: Höchstens 50 Prozent der Behandlungsfälle pro Quartal dürfen ausschließlich per Video versorgt werden.

Für Anbieter gelten klare technische Vorgaben. Die Verbindung muss durchgehend Ende-zu-Ende-verschlüsselt sein, der Dienst muss zertifiziert und werbefrei sein. Eine Krankschreibung per Video ist möglich, bei unbekannten Patienten für bis zu drei, bei bekannten für bis zu sieben Tage.

Vom Einzelservice zur Versorgungskette

Moderne Plattformen begleiten Patienten über mehrere Schritte: von der Beschreibung der Beschwerden über die ärztliche Konsultation bis zum Rezept und zur Medikamentenlieferung. Aus einem einzelnen Gespräch wird so ein durchgängiger Service.

Patienten sparen Anfahrtswege und Wartezeiten. Besonders bei Anliegen, die sich ohne körperliche Untersuchung beurteilen lassen, schafft Telemedizin einen niedrigschwelligen Zugang, etwa bei Folgerezepten oder Beratungsfragen.

KI im Gesundheitswesen: Assistenz, nicht Ärztin

Der nächste Entwicklungsschritt heißt künstliche Intelligenz. KI kann Fragebögen auswerten, Dokumente zusammenfassen, Befunde verständlich aufbereiten oder Patienten helfen, ihre Beschwerden strukturiert zu schildern. Ärzte profitieren, wenn relevante Informationen schneller verfügbar sind und Dokumentation weniger Zeit frisst.

KI ist dabei kein digitaler Arzt. Die medizinische Verantwortung bleibt beim Menschen, und Diagnosen gehören in einen professionellen Rahmen. Software, die medizinische Entscheidungen beeinflusst, kann zudem als Medizinprodukt gelten und muss entsprechende Anforderungen erfüllen.

Arzt tippt am Computer, daneben liegt ein Stethoskop

Wo KI-Startups ansetzen können

Für Gründer ergeben sich mehrere realistische Einsatzfelder:

  • Dokumentation: Spracherkennung und automatische Zusammenfassungen für Arztbriefe
  • Patientenkommunikation: strukturierte Vorabfragen, Terminmanagement, Erinnerungen
  • Vorbereitung von Gesprächen: Apps, die Symptome und Fragen vor dem Termin ordnen
  • Datenaufbereitung: verständliche Darstellung von Laborwerten und Befunden

Wie KI insgesamt die Gründerszene prägt, zeigt unser Beitrag Wie revolutioniert Künstliche Intelligenz die Gründerszene?.

Die elektronische Patientenakte als Datenbasis

Seit dem 29. April 2025 läuft die elektronische Patientenakte bundesweit für gesetzlich Versicherte, sofern sie nicht widersprochen haben. Seit dem 1. Oktober 2025 sind Praxen, Krankenhäuser und andere Leistungserbringer verpflichtet, sie zu nutzen und mit Befunden und Arztbriefen zu befüllen. Die Medikationsliste füllt sich automatisch aus dem E-Rezept.

Warum die ePA für Telemedizin so wichtig ist

Für digitale Versorgung ist die ePA ein zentraler Baustein. Eine Ärztin, die per Video berät, sieht ohne Akte nur das, was der Patient im Gespräch erzählt. Mit Zugriff auf Medikationsliste, Arztbriefe und Befunde lässt sich ein Fall deutlich besser einordnen, Wechselwirkungen fallen eher auf und Doppeluntersuchungen werden seltener.

Zusammen mit dem E-Rezept, das seit Anfang 2024 für verschreibungspflichtige Arzneimittel in der gesetzlichen Krankenversicherung Standard ist, entsteht so eine digitale Kette von der Konsultation bis zur Apotheke. Für Startups bedeutet das: Produkte, die sich an diese Infrastruktur anschließen, haben einen klaren Vorteil gegenüber Insellösungen.

Was das GeDIG plant

Am 15. Juli 2026 hat das Bundeskabinett den Entwurf für das Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen beschlossen. Laut Bundesgesundheitsministerium sind unter anderem diese Punkte vorgesehen:

  • Krankenkassen können die ePA um eigene Anwendungen erweitern, etwa Gesundheitsplaner und Erinnerungen an Vorsorgeuntersuchungen.
  • Eine Volltextsuche in der ePA ist ab Anfang 2027 geplant, eine digitale Impfübersicht ab Mitte 2027.
  • Kassen sollen KI-gestützte Angebote machen dürfen, zum Beispiel eine verständliche Aufbereitung von Befunden.
  • Die E-Überweisung soll schrittweise bis 1. September 2029 eingeführt werden.

Da es sich um einen Kabinettsentwurf handelt, können sich Details im parlamentarischen Verfahren noch ändern. Für Gründer zeigt die Richtung trotzdem klar: Gesundheitsdaten liegen künftig nicht mehr nur verstreut in einzelnen Praxen, sondern werden Teil eines vernetzten Ökosystems.

Datenschutz als Pflicht und Wettbewerbsvorteil

Gesundheitsdaten gehören nach der DSGVO zu den besonders geschützten Kategorien personenbezogener Daten. Wer sie verarbeitet, braucht eine tragfähige Rechtsgrundlage, eine saubere Datenschutz-Folgenabschätzung und hohe IT-Sicherheitsstandards. Fehler kosten hier nicht nur Bußgelder, sondern vor allem Vertrauen.

Vorhängeschloss auf einer Computertastatur als Symbol für Datenschutz in der Telemedizin

Startups, die Datenschutz von Anfang an in ihre Produktarchitektur einbauen, haben einen Vorsprung bei Kassen, Kliniken und Patienten. Mehr dazu liest du in unserem Beitrag Datenschutz als Wettbewerbsvorteil für Startups.

Benutzerfreundlichkeit wird zum Gesundheitsfaktor

Nutzer erwarten von Banking, Mobilität und Shopping, dass Dienste schnell, intuitiv und ortsunabhängig funktionieren. Diese Erwartung übertragen sie zunehmend auf ihre Gesundheitsversorgung. Eine App, die verständlich führt, kann den Zugang zu Beratung erleichtern und die Kommunikation zwischen Patient und Praxis verbessern.

Gleichzeitig hat digitale Versorgung Grenzen. Körperliche Untersuchungen, komplexe Diagnostik, Notfälle und viele Behandlungen brauchen weiterhin den direkten Kontakt. Bei akuten oder unklaren Beschwerden gehört der erste Weg in die Arztpraxis oder bei Notfällen zum Notruf 112. Die Zukunft liegt in einer sinnvollen Verbindung aus digitaler und persönlicher Versorgung.

Beispiele für Telemedizin-Plattformen in Deutschland

Der deutsche Markt zeigt, wie unterschiedlich digitale Gesundheitsmodelle aufgebaut sein können. Einige Anbieter konzentrieren sich auf Videosprechstunden mit Krankschreibung und E-Rezept, andere auf einzelne Fachgebiete wie die Teledermatologie, bei der Patienten Fotos ihrer Hautveränderung hochladen.

DoktorABC beschreibt sich selbst als Vermittlungsplattform zwischen Patienten, zugelassenen Ärzten und Partnerapotheken. Nutzer füllen einen medizinischen Fragebogen aus, eine Ärztin oder ein Arzt prüft den Fall und stellt bei Eignung ein elektronisches Rezept aus. Die Partnerapotheke liefert das Medikament oder hält es zur Abholung bereit. Nach eigenen Angaben deckt die Plattform mehr als 40 Behandlungskategorien ab.

Digitale Gesundheitsanwendungen als eigener Markt

Ein weiteres Feld sind digitale Gesundheitsanwendungen. Sie werden nach einer Prüfung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in ein Verzeichnis aufgenommen und können dann ärztlich verordnet werden. Der Weg dorthin verlangt Nachweise zu Sicherheit, Datenschutz und Versorgungseffekten und ist für Startups aufwendig, aber planbar.

Wo Chancen für Health-Startups liegen

Die wichtigste Frage für Gründer lautet nicht, was sich digitalisieren lässt, sondern welches Problem für Patienten oder Praxen dadurch tatsächlich verschwindet. Ein erfolgreiches Startup verkürzt Wartezeiten, macht Informationen verständlicher oder begleitet Menschen mit chronischen Erkrankungen kontinuierlich.

Die größten Chancen liegen dort, wo heute Medienbrüche entstehen. Wenn Patienten Daten mehrfach eingeben, Praxen Dokumente faxen oder Informationen aus mehreren Apps zusammengesucht werden müssen, entsteht Raum für bessere Lösungen. Weitere Zukunftsfelder findest du in unserem Überblick über Startup-Ideen 2026.

Geschäftsmodelle in der Telemedizin

Wer in diesem Markt gründet, muss früh entscheiden, wer für den Nutzen bezahlt. In der Praxis haben sich mehrere Modelle etabliert, die sich auch kombinieren lassen:

  • Selbstzahler-Modell: Patienten zahlen pro Konsultation oder Abo, typisch für private Plattformen und Leistungen außerhalb des Kassenkatalogs.
  • Kassenvergütung: Ärztliche Leistungen werden über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet, das Startup liefert Software oder Infrastruktur.
  • B2B-Lizenz: Praxen, Kliniken oder Pflegedienste zahlen für Software, die ihnen Zeit spart, etwa bei Dokumentation oder Terminvergabe.
  • Arbeitgeberangebote: Unternehmen bieten Mitarbeitenden Zugang zu Telemedizin als Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Jedes Modell hat eigene Vertriebszyklen. Ein Selbstzahler-Angebot kann schnell starten, braucht aber laufendes Marketing. B2B-Verträge mit Kliniken oder Kassen dauern oft viele Monate, sind dann aber stabiler. Plane deine Finanzierung entsprechend, denn lange Verkaufszyklen binden Kapital.

Was Gründer und Selbstständige selbst davon haben

Telemedizin ist nicht nur ein Markt, sondern auch ein praktisches Werkzeug für deinen eigenen Alltag. Wer viel reist oder lange Arbeitstage hat, kann Routineanliegen wie Folgerezepte oder Beratungsfragen per Video klären, statt einen halben Tag im Wartezimmer zu verbringen. Für Vorsorgeuntersuchungen und neue oder unklare Beschwerden bleibt der persönliche Termin in der Praxis aber die richtige Wahl.

So bereitest du den Markteintritt vor

Wenn du ein Produkt rund um Telemedizin oder digitale Gesundheit planst, arbeite diese Punkte früh ab:

  1. Regulatorik klären: Prüfe, ob deine Software als Medizinprodukt gilt und welche Zulassungswege infrage kommen.
  2. Medizinische Expertise einbinden: Hole Ärztinnen, Ärzte oder Pflegekräfte ins Team oder in einen Beirat.
  3. Datenschutz und IT-Sicherheit planen: Datenschutz-Folgenabschätzung, Hosting in der EU, klare Zugriffskonzepte.
  4. Anschluss an die Infrastruktur prüfen: Schnittstellen zu ePA, E-Rezept und Telematikinfrastruktur entscheiden über Reichweite.
  5. Geschäftsmodell testen: Wer zahlt, Patienten, Kassen, Praxen oder Arbeitgeber? Davon hängen Vertrieb und Preisgestaltung ab.

Der Markt ist anspruchsvoller und stärker reguliert als viele andere digitale Märkte. Wer Versorgung für Patienten tatsächlich einfacher, sicherer und menschlicher macht, findet hier dennoch ein Feld mit langfristigem Wachstum.

Was kostet eine Videosprechstunde für gesetzlich Versicherte?

Bietet eine Kassenpraxis die Videosprechstunde an, wird sie wie ein regulärer Arztkontakt über die Krankenkasse abgerechnet. Private Telemedizin-Plattformen können eigene Gebühren verlangen, die du vorab prüfen solltest.

Kann ich mich per Telemedizin krankschreiben lassen?

Ja, eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung per Video ist möglich, bei unbekannten Patienten für bis zu drei Tage und bei bekannten für bis zu sieben Tage. Einen Anspruch darauf gibt es nicht, die Entscheidung trifft die Ärztin oder der Arzt.

Brauche ich die elektronische Patientenakte?

Gesetzlich Versicherte erhalten die ePA automatisch, können aber jederzeit widersprechen. Ein Widerspruch führt zur Löschung der Akte.

Ersetzt KI den Arztbesuch?

Nein. KI kann Informationen aufbereiten und Abläufe unterstützen, die medizinische Entscheidung und Verantwortung liegen aber bei Ärztinnen und Ärzten.

Ist Telemedizin für jede Erkrankung geeignet?

Nein. Bei Notfällen, akuten Schmerzen oder Beschwerden, die eine körperliche Untersuchung erfordern, ist der Besuch in der Praxis oder der Notruf 112 der richtige Weg.

Was müssen Gründer im Health-Bereich besonders beachten?

Vor allem Medizinprodukterecht, Datenschutz für Gesundheitsdaten und die Anbindung an bestehende Infrastruktur. Eine frühe regulatorische Beratung spart später viel Zeit und Geld.