Kaum eine deutsche Food-Marke hat so viele Kapitel in so kurzer Zeit geschrieben. Die Ankerkraut Gründer Anne und Stefan Lemcke starteten 2013 mit einem Onlineshop und Gewürzen aus einer Garage in Hamburg. Neun Jahre später verkauften sie die Mehrheit an Nestlé, im April 2026 holten sie ihr Unternehmen zurück.
Dazwischen liegen ein Auftritt in „Die Höhle der Löwen“, ein Finanzinvestor, ein heftiger Shitstorm und ein Personalabbau. Für dich als Gründerin oder Gründer ist das mehr als eine Erfolgsgeschichte: Es ist eine Fallstudie über Wachstum, Kapital und die Frage, wie viel Kontrolle du für Geschwindigkeit eintauschst.
Wir zeichnen die Stationen nach, ordnen die Zahlen ein und zeigen, welche Lektionen Ankerkraut Gründern heute liefert. Alle Angaben stützen sich auf öffentlich zugängliche Berichte, interne Zahlen des Unternehmens sind nicht bekannt.
Kurz erklärt: Wer sind die Ankerkraut Gründer?
Anne und Stefan Lemcke sind ein Hamburger Ehepaar, das 2013 die Ankerkraut GmbH gegründet hat. Stefan Lemcke arbeitete zuvor im Onlinemarketing, Anne Lemcke als PR-Managerin in der Musikbranche. 2022 verkauften sie die Mehrheit an Nestlé, 2026 kauften sie die Anteile zurück.
- Gründung: 2013 in Hamburg, zunächst als Onlineshop
- Durchbruch: 2016 mit dem Auftritt in „Die Höhle der Löwen“ (VOX)
- Wachstum: 2020 Einstieg des Finanzinvestors EMZ Partners
- Exit: 2022 Mehrheitsverkauf an Nestlé
- Rückkauf: im April 2026 angekündigt, Kaufpreis nicht veröffentlicht
Die Anfänge: Gewürze aus der Garage
Laut Berichten über die Firmengeschichte waren beide Mitte dreißig, als sie den Schritt wagten. Stefan Lemcke gab seinen Job als Onlinemarketing-Manager auf, die Idee soll auf seine Kindheit in Tansania zurückgehen. Gemischt wurden die ersten Gewürze in einer Garage im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, ohne Rieselhilfen oder andere Zusatzstoffe.
Der Markt war alles andere als leer. Mit Fuchs und dessen Marke Ostmann gab es einen etablierten Platzhirsch im Supermarktregal. Ankerkraut setzte deshalb nicht auf den Handel, sondern auf Direktvertrieb über den eigenen Onlineshop, Mischungen für konkrete Gerichte und eine markante Verpackung: Gläser mit Korken.
Der Start war bescheiden. Im ersten Jahr lag der Umsatz Medienberichten zufolge bei rund 70.000 Euro. Für eine Marke, die später im zweistelligen Millionenbereich landete, ist das ein typischer Startpunkt: kleine Zahlen, aber ein klarer Kern.
Was die Positionierung stark machte
- Problem statt Produkt: All-in-one-Mischungen für bestimmte Gerichte statt einzelner Standardgewürze
- Community-Nähe: Grill- und Kochfans als frühe Zielgruppe, die Inhalte und Empfehlungen teilten
- Wiedererkennung: Das Korkenglas wurde zum Markenzeichen im Regal und auf Fotos
- Datenkompetenz: Stefan Lemckes Onlinemarketing-Erfahrung passte zu einem Geschäft, das über den eigenen Shop wuchs
Wenn du selbst nach einer Nische suchst, lohnt ein Blick auf unsere Startup-Ideen mit Beispielen aus Deutschland. Ankerkraut zeigt, dass auch ein gesättigter Markt Platz lässt, wenn du die Nutzung neu denkst.
Höhle der Löwen 2016: Der Durchbruch im Fernsehen
2016 präsentierten die Lemckes Ankerkraut in der dritten Staffel von „Die Höhle der Löwen“. Frank Thelen stieg nach Berichten von Fachmedien mit 300.000 Euro für 20 Prozent ein. Der eigentliche Effekt war aber die Reichweite: Die Sendung machte die Marke schlagartig bundesweit bekannt.
Für viele TV-Start-ups ist der Auftritt ein Strohfeuer. Ankerkraut gelang es dagegen, die Aufmerksamkeit in dauerhafte Nachfrage zu verwandeln. Neben dem Onlineshop kamen Handelspartner und eigene Läden dazu, unter anderem in Hamburg und Berlin.
Wie wichtig gut vorbereitete Unterlagen und eine klare Story beim Pitch sind, liest du in unserem Leitfaden Investoren finden. Das TV-Format ist ein Sonderfall, die Grundregeln gelten trotzdem: Zahlen kennen, Bewertung begründen, Ziel des Kapitals benennen.
Wachstum und Investoren: Von Thelen zu EMZ
2020 folgte der nächste große Schritt. Der französische Finanzinvestor EMZ Partners übernahm rund 20 Prozent, Gründer und Altinvestoren verkauften dabei auch eigene Anteile. Insgesamt wechselte laut Branchenberichten ein zweistelliger Millionenbetrag den Besitzer. Ankerkraut beschäftigte damals rund 120 Menschen.
Interessant für dich: Bei dieser Runde wurden die Geschäftsführer Timo Haas und Alexander Schwoch Gesellschafter. Die Ankerkraut Gründer holten also früh ein Managementteam an Bord und beteiligten es. Genau diese beiden Manager spielen auch 2026 wieder eine Rolle.
2021 kehrten die Lemckes als Gast-Investoren in die Löwen-Show zurück. Berichte aus dieser Zeit nennen rund 60 Millionen Euro Umsatz, etwa 200 Mitarbeitende und ein profitables Geschäft. Aus dem Garagenprojekt war ein ernstzunehmender Markenhersteller geworden.
Die Wachstumsphase in Zahlen
- Erstes Jahr: rund 70.000 Euro Umsatz
- 2020: rund 120 Mitarbeitende, Einstieg von EMZ
- 2021: rund 60 Millionen Euro Umsatz und etwa 200 Mitarbeitende laut Medienberichten
- Vor dem Nestlé-Deal: mehr als 230 Mitarbeitende und ein Sortiment von über 500 Produkten
Wer so schnell wächst, muss Organisation, Logistik und Team parallel hochziehen. Worauf du dabei achten solltest, zeigt unser Beitrag Startup skalieren.
Der Nestlé-Deal 2022 und der Shitstorm
Im April 2022 übernahm Nestlé die Mehrheit an Ankerkraut. Laut Legal Tribune Online hielt der Konzern danach rund 85 Prozent, EMZ und Frank Thelen stiegen aus. Die Gründer und das Management behielten eine Minderheit. Den Kaufpreis machten die Beteiligten nicht öffentlich.
Die Reaktion fiel heftig aus. In den sozialen Netzwerken lehnte eine große Mehrheit der Kommentierenden den Verkauf ab. Viele warfen den Gründern vor, ihre Werte verraten zu haben, einige Influencer und Partner beendeten die Zusammenarbeit. Der Unmut richtete sich vor allem gegen den Käufer, der seit Jahren wegen Themen wie Wassernutzung kritisiert wird.
Für eine Marke, die stark über Community und Nähe funktionierte, war das ein Bruch. Kundinnen und Kunden hatten nicht nur Gewürze gekauft, sondern eine Geschichte von unabhängigen Gründern aus Hamburg. Diese Geschichte passte für viele nicht mehr zu einem Weltkonzern als Eigentümer.
Warum der Gegenwind so stark war
- Markenversprechen: Unabhängigkeit und Nähe waren Teil des Produkts, nicht nur Marketing
- Käuferimage: Ein Konzern mit kontroversem Ruf traf auf eine wertegetriebene Zielgruppe
- Kommunikation: Für die Community kam der Schritt überraschend
- Social-Media-Dynamik: Kritik verbreitete sich schneller, als das Unternehmen erklären konnte
Die Nestlé-Jahre: Weniger Mitarbeitende, mehr Distanz
Über die operative Entwicklung unter Nestlé ist öffentlich wenig bekannt. Eine Zahl sticht aber heraus: Vor dem Verkauf beschäftigte Ankerkraut mehr als 230 Menschen, 2026 waren es laut Berichten der dpa noch rund 160. Der Umsatz lag kurz vor dem Verkauf nach eigenen Angaben im mittleren zweistelligen Millionenbereich, aktuelle Zahlen nennt das Unternehmen nicht.
Ob der Personalabbau auf den Shitstorm, die allgemeine Konsumflaute oder Konzernstrukturen zurückgeht, lässt sich von außen nicht belegen. Klar ist nur: Die Jahre unter dem Konzerndach waren keine reine Wachstumsgeschichte.
Der Rückkauf 2026: Die Ankerkraut Gründer holen ihre Firma zurück
Am 15. April 2026 wurde bekannt, dass Anne und Stefan Lemcke die Anteile von Nestlé zurückkaufen. Über den Preis vereinbarten beide Seiten Stillschweigen. Laut Legal Tribune Online bleiben die Geschäftsführer Timo Haas und Alexander Schwoch an Bord und sind beteiligt, externe Gesellschafter gibt es keine mehr.
Die Lemckes beschreiben Ankerkraut in ihrer Mitteilung als „mehr als ein Unternehmen – es ist unser Lebenswerk“. Nestlé erklärte nach Angaben der Lebensmittel Praxis, man unterstütze den Wunsch nach mehr unternehmerischer Eigenständigkeit. Beide Seiten sprechen von einer einvernehmlichen Trennung.
Inhaltlich wollen die Gründer die Marke wieder näher an ihre ursprüngliche Identität führen: Nähe zur Community, schnelle Entscheidungen, Fokus auf Qualität. Der Firmensitz bleibt in Hamburg. Wie sich der Neustart wirtschaftlich entwickelt, ist im Oktober 2026 noch offen.
Was der Rückkauf für die Rolle der Gründer bedeutet
Mit dem Rückkauf tragen die Ankerkraut Gründer wieder das volle unternehmerische Risiko. Es gibt keinen Konzern mehr, der Verluste auffängt oder Investitionen finanziert. Gleichzeitig entfallen Abstimmungen mit einer Zentrale, Entscheidungen über Sortiment, Preise und Kommunikation fallen wieder in Hamburg.
Das operative Tagesgeschäft liegt laut den Berichten weiter bei der Geschäftsführung um Haas und Schwoch. Die Lemckes sind damit vor allem Eigentümer und Markengesicht, nicht die alleinigen Manager. Diese Arbeitsteilung ist typisch für Unternehmen, die über die Startphase hinausgewachsen sind.
Für die Community ist der Schritt ein Signal: Die Ankerkraut Gründer wollen den Bruch von 2022 sichtbar korrigieren. Ob Kundinnen und Kunden zurückkehren, die sich damals abgewandt haben, wird sich erst in den kommenden Quartalen zeigen. Die Marke muss das Vertrauen über Produkte und Kommunikation neu verdienen, nicht über eine einzelne Meldung.
Lektionen: Was die Geschichte von Ankerkraut Gründern lehrt
Die Geschichte ist kein Lehrbuch für den perfekten Weg, aber sie zeigt typische Weichenstellungen, vor denen auch du stehen kannst. Fünf Punkte stechen heraus.
- Starte klein, aber mit klarem Profil. 70.000 Euro Umsatz im ersten Jahr reichten, weil Produkt, Verpackung und Zielgruppe zusammenpassten.
- Nutze Reichweite als Startrampe, nicht als Ziel. Der TV-Auftritt wirkte, weil danach Shop, Lieferfähigkeit und Handel bereitstanden.
- Beteilige dein Management. Die Beteiligung von Haas und Schwoch schuf ein Team, das Verantwortung über mehrere Eigentümerwechsel trug.
- Prüfe beim Exit den Markenfit des Käufers. Bei wertegetriebenen Marken entscheidet nicht nur der Preis, sondern auch, wie deine Community den Käufer sieht.
- Kommuniziere große Schritte früh und offen. Ein Verkauf, der sich für Kunden wie ein Bruch anfühlt, braucht eine Erklärung, bevor die Kommentarspalte sie liefert.
Der Rückkauf zeigt zudem: Ein Exit ist nicht zwingend endgültig. Wer eine Minderheit behält und das Vertrauen des Käufers nicht verspielt, kann später wieder verhandeln. Das setzt allerdings Kapital und Geduld voraus.
Dein nächster Schritt: Plane Kontrolle von Anfang an
Bevor du die erste Finanzierungsrunde unterschreibst, solltest du festlegen, welche Entscheidungen du langfristig selbst treffen willst. Notiere dir drei Punkte: welche Werte deine Marke trägt, welche Art von Investor dazu passt und unter welchen Bedingungen du verkaufen würdest.
Kläre außerdem früh die Struktur. Viele Gründerinnen und Gründer halten ihre Anteile über eine Holding, um bei Teilverkäufen flexibler zu sein. Ob das für dich sinnvoll ist, erklärt unser Beitrag Holding beim Startup. Für Bewertung, Verträge und Steuern holst du dir vor einem Deal immer fachliche Beratung.
Wer sind die Ankerkraut Gründer?
Ankerkraut wurde 2013 von dem Hamburger Ehepaar Anne und Stefan Lemcke gegründet. Stefan Lemcke kam aus dem Onlinemarketing, Anne Lemcke aus der PR in der Musikbranche.
Wann waren die Ankerkraut Gründer in der Höhle der Löwen?
Anne und Stefan Lemcke traten 2016 in der dritten Staffel von „Die Höhle der Löwen“ auf. Frank Thelen investierte nach Medienberichten 300.000 Euro für 20 Prozent.
Gehört Ankerkraut noch zu Nestlé?
Nein. Nestlé hatte 2022 die Mehrheit übernommen, im April 2026 gaben die Gründer den Rückkauf der Anteile bekannt. Laut Berichten gibt es keine externen Gesellschafter mehr.
Wie viel hat Nestlé für Ankerkraut bezahlt?
Der Kaufpreis wurde nie offiziell veröffentlicht. Branchenbeobachter schätzten ihn auf eine dreistellige Millionensumme, belegt ist diese Zahl nicht.
Warum gab es nach dem Verkauf an Nestlé einen Shitstorm?
Viele Kundinnen und Kunden sahen den Verkauf an einen umstrittenen Konzern als Widerspruch zum unabhängigen Image der Marke. In sozialen Netzwerken lehnte eine große Mehrheit den Deal ab, einige Partner beendeten die Zusammenarbeit.
Was können Gründer von Ankerkraut lernen?
Die Geschichte zeigt, wie wichtig ein klares Markenprofil, ein beteiligtes Management und ein passender Käufer beim Exit sind. Außerdem lohnt es sich, große Eigentümerwechsel früh und offen zu kommunizieren.
