Das gängige Bild vom Gründen ist stark geprägt von technologiegetriebenen Startups. Junge Teams entwickeln eine Idee, holen sich Kapital und versuchen, ein möglichst schnelles, skalierbares Geschäftsmodell aufzubauen. So sind vielerorts Gründerprogramme, Acceleratoren und Investoren ausgelegt.
In den letzten Jahren kommt jedoch ein anderer Ansatz verstärkt ins Gespräch. Beim sogenannten Entrepreneurship Through Acquisition (ETA) übernehmen Gründer bestehende Unternehmen und entwickeln diese weiter.
Dies geschieht insbesondere im Hinblick auf den deutschen Mittelstand, der vor einem großen Generationswechsel steht. Für viele Gründer kann dieses Modell eine realistische Alternative zur klassischen Neugründung eines Unternehmens darstellen.
Der Mittelstand im Generationswechsel
In Deutschland stehen in den nächsten Jahren tausende von Unternehmen vor einer Nachfolgesituation. Viele Betriebe haben ihre Gründerjahre hinter sich und wurden über Jahrzehnte erfolgreich am Markt gehalten, doch für einen Teil der Unternehmer fehlt eine interne Nachfolge.
Laut des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn finden jährlich mehrere zehntausend Unternehmensübergaben statt. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen haben es dabei schwer, einen passenden Nachfolger zu finden.
Hier sind Gründer mit Unternehmerblut gefragt. Statt ein Unternehmen von Grund auf neu aufzuziehen, können sie bestehende Strukturen übernehmen und weiterentwickeln. Wer sich näher für dieses Thema interessiert, findet beispielsweise über Plattformen wie die Unternehmensbörse Möglichkeiten, selbst ein
bestehendes Unternehmen kaufen oder sich über Nachfolgeangebote informieren zu können.
Der Übergang an neue Eigentümer kann dabei nicht nur die wirtschaftliche Stabilität sichern, sondern auch neue Impulse für Innovation geben.
Unterschiede zur klassischen Startup-Gründung
Das ETA-Modell unterscheidet sich in einigen Punkten von der klassischen Startup-Gründung. Während Startups zumeist
neue Technologien und skalierbare Plattformmodelle anstreben, übernehmen ETA-Gründer meist bestehende und erprobte Geschäftsmodelle mit bestehenden Kundenbeziehungen.
Die wichtigsten Unterschiede sind:
Vorhandene Marktposition
Übernommene Unternehmen besitzen oft schon eine gute Marktstellung. Bereits vorhandene Kunden und Lieferanten sowie etablierte Vertriebswege.
Etablierte Umsätze
Im Gegensatz zu Start-ups sind viele Mittelständler durchaus schon im Geld. Produkte oder Dienstleistungen sind am Markt etabliert, Kundenbeziehungen bestehen meist über Jahre und auch Vertriebsstrukturen sind weitgehend eingespielt. So startet der Gründer nicht bei Null, sondern kann auf einer wirtschaftlichen Basis aufbauen.
Gerade in der Startphase einer Neugründung kann es häufig vorkommen, daß das Geschäftsmodell erst entwickelt, getestet und fortlaufend verändert werden muß. In dieser Zeit entstehen Kosten für Personal, Marketing oder Produktentwicklung, während der Umsatz erst langsam ansteigt. Bei der Übernahme eines bestehenden Unternehmens ist diese Phase meist schon überwunden. Der Betrieb schreibt bereits Einnahmen, mit denen sich die laufenden Kosten decken lassen.
Die bestehenden Kundenbeziehungen geben eine gewisse Planungssicherheit. Mit wiederkehrenden Aufträgen, langfristigen Lieferverträgen oder einer etablierten Marktstellung ist der Umsatz nicht nur von neuen Kunden abhängig, was für den Gründer möglicherweise die stabilere Startbasis ist, um strategische Veränderungen oder Innovationen Schritt für Schritt anzugehen.
Erprobte Geschäftsabläufe
Die jeweiligen Arbeitsabläufe, Produktionsprozesse und die gesamte Organisation sind vielfach seit vielen Jahren erprobt und weiterentwickelt worden. In vielen mittelständischen Betrieben existieren klare Strukturen, eingespielte Teams sowie stabile Lieferanten- und Kundenbeziehungen. Dies kann den Einstieg für
Gründer erleichtern, da die zentralen Abläufe bereits funktionieren und nicht erst aufgebaut werden müssen.
Eine wichtige Rolle spielt auch das bei den Mitarbeitenden vorhandene Wissen. Eine langjährige Erfahrung im Unternehmen sorgt dafür, dass Prozesse effizient umgesetzt werden und das Tagesgeschäft stabil läuft. Darauf können die neuen Eigentümer aufbauen und sich zunächst einen Überblick über die bestehenden Strukturen verschaffen.
Natürlich stellen sich bei einer Übernahme auch neue Herausforderungen. Häufig sind IT-Systeme zu modernisieren, sind digitale Prozesse einzuführen und sind die Vertriebswege zu erweitern. Auch das bestehende Geschäftsmodell ist daraufhin zu überprüfen, ob es langfristig wettbewerbsfähig bleibt. Veränderungen lassen sich jedoch Schritt für Schritt umsetzen, während das Unternehmen gleichzeitig Umsätze generiert.
Die Finanzierung einer Unternehmensübernahme
Ein wichtiger Punkt beim
Entrepreneurship Through Acquisition ist die Finanzierung. Der Kauf eines bestehenden Unternehmens verlangt in vielen Fällen ein höheres Startkapital als die klassische Gründung.
Typische Finanzierungsbausteine sind:
• Eigenkapital der Gründer
• Bankkredite oder Förderprogramme
• Beteiligungskapital von Investoren
• gestaffelte Nachfolgemodelle
In Deutschland gibt es verschiedene Förderprogramme, die die Unternehmensnachfolge im Mittelstand unterstützen. Die KfW und regionale Förderbanken bieten spezielle Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmensübernahmen an.
Ein weiteres Thema ist die Bewertung des Unternehmens. Der Kaufpreis bemisst sich in der Regel an Kennzahlen wie Umsatz oder Gewinn oder an den zu erwartenden zukünftigen Erträgen. Branchenüblich sind Bewertungsverfahren wie das Ertragswertverfahren oder Multiplikator-Modelle.
Chancen für Innovation
Ein häufiger Vorteil von Übernahmen liegt im Innovationspotential. Viele mittelständische Unternehmen haben jahrzehntelange Erfahrung und gute Kundenbeziehungen. Sie haben ihre Produkte ausgereift und beherrschen ihr Geschäft. Gleichzeitig gibt es oft viel zu modernisieren.
Gründer, die ein Unternehmen übernehmen, bringen oft neue Sichtweisen ein. Die Digitalisierung, neue Vertriebsformen oder internationale Märkte können neue Wachstumschancen schaffen.
Beispiele für mögliche Entwicklungen sind:
• Einführung digitaler Geschäftsprozesse
• Ausbau von Online-Vertriebskanälen
• Nutzung neuer Datenanalysen
• Entwicklung neuer Produktlinien
Die Kombination aus stabiler Marktstruktur und neuen Ideen der Unternehmer kann erhebliche Wettbewerbsvorteile mit sich bringen.
Unternehmerische Verantwortung
Mit einer Unternehmensübernahme sind nicht nur wirtschaftliche Chancen verbunden. Die Gründer übernehmen auch Verantwortung gegenüber Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten.
Gerade in vielen mittelständischen Betrieben sind die persönlichen Beziehungen wichtig. Nehmen wir an, Sie haben ein Unternehmen gekauft. Viele Unternehmen haben mit der Zeit langjährige Teams und eine eigene Unternehmenskultur entwickelt. Der Wechsel auf eine neue Unternehmensführung will hier also gut vorbereitet werden. Dialog mit den Mitarbeitenden, Ausblick auf die gemeinsame Zukunft und Transparenz bei wichtigen Entscheidungen können helfen, Vertrauen aufzubauen.
Auch organisatorisch ist einiges zu bedenken:
• rechtliche Prüfung der Unternehmensstruktur
• Überprüfung bestehender Verträge
• Bewertung von Risiken und Schulden
• Integration neuer strategischer Ausrichtungen
Hierbei ist professionelle Beratung durch Wirtschaftsprüfer, Steuerberater oder Unternehmensberater hilfreich.
Warum ETA immer wichtiger wird
Entrepreneurship through acquisition (ETA) gewinnt zunehmend Bedeutung — international, aber auch hierzulande. In den USA hat sich dieses Modell über Business Schools und Investoren-Netzwerke verbreitet. Aber auch in Europa ist das Interesse an diesem Gründungsweg steigend.
Der Ansatz verbindet mehrere Entwicklungslinien: Den Generationswechsel im Mittelstand, den Drang vieler Gründer, Verantwortung als Unternehmer zu übernehmen und die Suche nach nachhaltigen Geschäftsmodellen.
Für viele Gründer liegt im Unternehmenskauf eine realistische Alternative zur klassischen Startup-Gründung. Statt ein Produkt über Jahre entwickeln zu müssen, starten sie mit einem funktionierenden Unternehmen und konzentrieren sich direkt auf seine Weiterentwicklung.
Diese Form des Unternehmertums eröffnet ein breiteres Spektrum möglicher Gründungswege. Der Fokus verschiebt sich von reiner Innovation hin zu nachhaltiger Unternehmensentwicklung und langfristigem Wachstum.