Wer in Graz einen Rucksack bei einem Berliner Onlineshop bestellt, klickt an der Kasse meist ohne nachzudenken auf den blauen PayPal-Button. Der Vorgang dauert wenige Sekunden und gehört für viele Menschen in Österreich zum digitalen Alltag. Im Juni hat diese Gewohnheit einen ersten Kratzer bekommen. Mehrere österreichische Großbanken haben sich an einem europäischen Bezahldienst beteiligt, der dem US-Konzern ausdrücklich Konkurrenz machen will. Ob daraus eine echte Alternative wird, hängt von mehr ab als vom politischen Willen
Der Einstieg von Erste und Raiffeisen
Am 22. Juni 2026 gab die European Payments Initiative (EPI) bekannt, dass die Erste Bank, die Raiffeisen Bank International und
drei Raiffeisen-Landesbanken als Gesellschafter einsteigen, vorbehaltlich der Zustimmung ihrer Aufsichtsräte. Die EPI ist ein Zusammenschluss europäischer Banken und Zahlungsdienstleister. Ihr Produkt heißt Wero.
Der Dienst ermöglicht Echtzeitzahlungen per Handynummer oder E-Mail-Adresse innerhalb Europas.
Kunden in Frankreich, Deutschland und Belgien können ihn bereits nutzen (Stand Juni 2026). Hinter dem Projekt steht ein erklärtes Ziel. Europa soll im Zahlungsverkehr unabhängiger von US-Anbietern wie PayPal und den großen Kartennetzwerken werden.
Für Österreich ist der Schritt mehr als eine Formalie. Wer als Gesellschafter einsteigt, bringt seine Kundschaft mit und hat ein Interesse daran, dass sie den Dienst auch verwendet. Die Erste Bank und die Raiffeisen-Gruppe zählen zu den größten Instituten des Landes. Ihre Beteiligung verschafft Wero einen Zugang, den das Projekt aus eigener Kraft kaum erreicht hätte.
Eine Beteiligung allein ändert allerdings noch keine Gewohnheit an der Kasse. Um zu verstehen, woran sich Wero messen muss, lohnt ein Blick auf das, was PayPal seinen Nutzern bietet und wo der Konzern selbst Grenzen setzt.
PayPals Sicherheitsversprechen und Branchengrenzen
Der Vorsprung des US-Konzerns beruht zu einem guten Teil auf Vertrauen. Wer mit PayPal zahlt, gibt seine Bank- oder Kartendaten nicht an den Händler weiter. Die Freigabe läuft über das eigene Konto, auf Wunsch mit zweistufiger Anmeldung. Gerade bei unbekannten Shops ist das für viele Kunden der Grund, lieber auf den blauen Button zu setzen.
Gleichzeitig entscheidet PayPal selbst, welche Geschäfte es abwickelt. Die
hauseigene Nutzungsrichtlinie schließt ganze Branchen aus oder knüpft sie an Bedingungen. Das betrifft etwa Kryptowährungen und verschreibungspflichtige Produkte. Für Glücksspiel gelten besonders strenge Vorgaben.
Für die Glücksspielbranche hat diese Linie handfeste Folgen. Ein Anbieter darf den Dienst nur nutzen, wenn das Spiel für ihn und seine Kunden legal ist. Viele internationale Plattformen fallen dadurch heraus. Hinzu kommt das österreichische Konzessionssystem. In Österreich gibt es kaum Auswahl an PayPal Casinos, die
Sicherheitsstandards bei digitalen Bezahlmethoden mit einer nationalen Konzession verbinden.
Als einziger Anbieter verfügt win2day, das Online-Angebot der Österreichischen Lotterien, über eine inländische Online-Konzession. Der Zahlungsdienst wird so zu einem Filter für den regulierten Markt. Solche Feinheiten spielen für Wero vorerst kaum eine Rolle.
PayPals Vorsprung in Zahlen
Wero ist vielen Menschen schlicht unbekannt. In einer
repräsentativen Umfrage des Instituts Innofact für das Vergleichsportal Verivox konnten im Juli 2026 nur 39 Prozent der Befragten in Deutschland den Dienst korrekt als Zahlungsdienst einordnen. Fast ein Drittel hatte den Namen noch nie gehört. Eine Mehrheit von knapp 58 Prozent bezweifelt, dass Wero zum beliebtesten Bezahldienst Europas aufsteigt.
Die Nutzerzahlen spiegeln diese Skepsis. Nach Angaben der EPI sind in Deutschland rund 9 Millionen Menschen bei Wero registriert. PayPal kommt dort nach eigenen Angaben auf 35 Millionen aktive Kundenkonten. Registriert heißt zudem noch nicht aktiv. Selbst unter den Befragten, die Wero kannten, hatten knapp zwei Drittel den Dienst nie ausprobiert.
Österreich soll voraussichtlich 2027 folgen, spätestens Anfang 2028. Die österreichischen Banken starten damit in einen Markt, in dem PayPal seit Jahren als Standard gilt. Für Kunden bleibt die Umstellung freiwillig. Für Händler stellt sich die Frage anders, denn sie entscheiden, welche Buttons an der Kasse überhaupt erscheinen.
Checkout-Entscheidungen für Gründer ab 2027
Für ein junges Unternehmen mit eigenem Onlineshop ist diese Entscheidung vor allem eine Rechenaufgabe. Jede zusätzliche Zahlungsart kostet Integrationsaufwand und muss im Kundenservice erklärt werden. Fehlt dagegen die bevorzugte Option, brechen Kunden den Kauf im schlimmsten Fall ab.
Wero setzt technisch auf Echtzeitüberweisungen zwischen Bankkonten. Das Prinzip ähnelt dem sogenannten
Pay-by-Bank, bei dem der Kunde die Zahlung direkt in seiner Banking-App freigibt. Für Händler kann das günstiger sein als die Gebühren großer Wallet-Anbieter. Belastbare Preislisten für Österreich gibt es allerdings noch nicht.
Für Gründer spricht daher wenig dafür, PayPal vorschnell aus dem Checkout zu nehmen. Sinnvoller ist es, die technische Anbindung vorzubereiten und den Start der österreichischen Banken abzuwarten. Wer seinen Zahlungsdienstleister ohnehin neu auswählt, sollte nachfragen, ob Wero bereits auf der Roadmap steht.
Politischer Rückenwind gegen alte Gewohnheiten
Der Einstieg von Erste und Raiffeisen verschafft Wero in Österreich eine Ausgangslage, die dem Dienst anderswo gefehlt hat. Politisch hat das Projekt Rückenwind, im Alltag liegt PayPal weiter klar vorn. Der US-Konzern punktet mit Bekanntheit und einem Sicherheitsversprechen, das viele Kunden seit Jahren kennen.
Wero muss beides erst aufbauen. Ob das gelingt, entscheidet sich weniger in Brüssel als an den Kassen der Onlineshops. In den kommenden Jahren wird sich zeigen, ob die Bestellung aus Graz dann mit einem anderen Button endet.