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Neuer DeepTech-Fonds: 20 Mio. Euro von Marvelous & JHS
22.5.2026
Marvelous Scito Fund: Neuer Impuls gegen das „Tal des Todes“ – auf diesen Namen wirst du künftig stoßen, wenn du wissen willst, wie Deutschland seine hochgelobte Forschungslandschaft enger an die Realwirtschaft binden will. Jahrzehntelang haben Start-ups und Forscherteams hierzulande von der sogenannten „German Angst“ berichtet: Tolle Erfindungen entstehen an den Laborbänken, aber wenn es zum Übergang ins industrielle Großformat geht, versanden viele Projekte zwischen Förderbescheiden und der Suche nach mutigen Mittelgebern. Genau dieses Problem, das berüchtigte „Tal des Todes“ zwischen Forschung und Marktreife, will nun der Marvelous Scito Fund durchbrechen.
Was steckt hinter dem 20 Millionen Euro schweren Topf, wer profitiert, und wie groß ist der Hebel für die DeepTech-Szene wirklich? Tauche mit mir in die Details ein – und erfahre, wo der große Wurf gelingt und wo die alten Hürden bleiben.
Das „Tal des Todes“: Schwachstelle im Technologie-Ökosystem
Du kennst das Sprichwort: „Große Ideen scheitern nicht im Kopf, sondern am Geld.“ In kaum einem Bereich trifft das so genau zu wie bei DeepTech-Innovationen ? also digitalen und hardwarebasierten Sprunginnovationen aus Physik, Chemie und Technik, die erst aufwändig in ein marktfähiges Produkt überführt werden müssen. Zwar gelten Institute und Universitäten in Deutschland als exzellente Quellen für neue Technologien. Doch sobald der Transfer aus der Forschungsumgebung heraus erfolgen soll, geraten viele Projekte ins Schlingern.
Der Begriff „Tal des Todes“ beschreibt diesen neuralgischen Korridor, in dem Projekte schon zu komplex für die Töpfe der Frühphasenförderung sind, aber noch lange nicht investorenreif im klassischen VC-Sinn. Technische Risiken, regulatorische Unsicherheiten und hohe Aufbaukosten schrecken viele Geldgeber ab. Die Folge: Pilotanlagen für grüne Materialien, Prototypen autonomer Roboter oder neuartige Verfahren in der Kreislaufwirtschaft bleiben auf halber Strecke liegen – während Start-ups in den USA oder Asien längst mit stattlichem Venture Capital expandieren.
Wer steckt hinter dem Marvelous Scito Fund?
Stell dir den Marvelous Scito Fund als ein Kräftespiel zwischen zwei sehr unterschiedlichen Akteuren vor: Die Berliner Investmentplattform Marvelous einerseits, die Hamburger Joachim Herz Stiftung (JHS) auf der anderen Seite. Marvelous bringt das Know-how im DeepTech-Venture-Betrieb, die Stiftung stellt als alleiniger Ankerinvestor nicht nur das Kernvolumen, sondern auch das Renommee eines wachstumsorientierten, gemeinnützigen Trägers.
Der Fund ist eine dezidierte Antwort auf eine eigene Grundlagenstudie der JHS, die im Winter 2025 gemeinsam mit UnternehmerTUM veröffentlich wurde: Deutschland fehlen bis 2030 jährlich rund 10 Milliarden Euro an Wachstumskapital – primär in eben jenen Segmenten, in denen Forschungsergebnisse den Sprung in die Fabrikhalle schaffen sollen. Die Stiftung richtet mit dem Scito Fund ihren Fokus erstmals auf genau jene Brückenphase zwischen Labor und Pilotproduktion.
Marvelous bringt dabei zweierlei in den Fonds ein: Mit Marvelous Capital verantworten sie die Investmentprozesse, mit Marvelous Catalyst begleiten sie als operative Einheit die Start-ups durch Alltagsfragen bis hin zur Herstellung erster industrieller Serien oder dem Abschluss von Lieferverträgen. Hier weicht der Ansatz bewusst vom klassischen „Money-only“-VC ab.
Warum 20 Millionen trotzdem ein Gamechanger sein können
Angesichts der summierten Zahlen im Sektor klingt ein 20-Millionen-Euro-Fonds zunächst nach wenig. Tatsächlich haben sich seit 2015 europaweit Later-Stage-Kapitaldefizite von mehreren Hundert Milliarden US-Dollar aufgebaut. Der Rückgang der VC-Investitionen von fast 25 Milliarden US-Dollar im Boomjahr 2021 auf nur noch rund 6 Milliarden in 2025 allein in Deutschland spricht Bände. Doch der Scito Fund ist mehr als reine Geldsumme: Er ist ein Signal, ein Validierungsstempel, und damit entscheidender Hebel, um private Ko-Investoren — Family Offices, Industriepartner und internationale Investoren — für den Hochlauf der Innovationen zu gewinnen.
Durch das Engagement einer namhaften Stiftung ist gewährleistet, dass mögliche Co-Investoren nicht nur auf Rendite, sondern auch auf Nachhaltigkeits- und Impact-Kriterien setzen können. In einer Phase, in der politische Unsicherheiten, Energiepreis-Explosionen und internationale Standortkonkurrenz die Gespräche mit Investoren erschweren, zählt Glaubwürdigkeit doppelt.
Ticketgrößen, Branchen und Vorteile für Gründer*innen
Wichtig ist zu wissen: Die Zielgruppe, die für Investments aus dem Marvelous Scito Fund infrage kommt, ist messerscharf definiert. Gefragt sind DeepTech-Start-ups mit starker Hardware-Komponente und gesellschaftlichem Hebel. Konkret stehen folgende Segmente im Blickfeld:
1. Advanced Materials
Sämtliche Start-ups, die neue Werkstoffe oder Materialkombinationen für energieeffiziente Bauweisen, Speichertechnologien oder nachhaltigere Produktzyklen entwickeln, sind potenzielle Zielunternehmen. Die ersten Pilotproduktionen verschlingen oft siebenstellige Beträge, bevor überhaupt an den Markteintritt gedacht werden kann.
2. Waste Valorization
Kreislaufwirtschaft und Upcycling von Abfallströmen sind nicht nur ökologische, sondern auch industrielle Sparten, in denen skalierfähige Geschäftsmodelle entstehen. Hier ist oftmals ein langer Atem notwendig, da Proof of Concept und Markttests langwierig sind.
3. Robotics & Automation
Gerade im Maschinenbau, in der Intralogistik oder in der Fertigung fehlt es selten an Visionen — aber an den Mitteln, den Sprung vom Laboraufbau auf industrielle Stückzahlen zu schaffen. Robotik-Hardware gilt als besonders kapitalintensiv und entsprechend risikoavers sind klassische Wagnisinvestoren.
Die Ticketgrößen des Fonds liegen üblicherweise zwischen 250.000 und 3 Millionen Euro. Sie sollen die Lücken zwischen öffentlichen Fördergeldern und nachfolgenden Großrunden schließen. Wer hier zu den wenigen geförderten Teams zählt, profitiert nicht allein vom Kapital, sondern wird in das aktive Netzwerk der Marvelous-Plattform eingebunden: Industrial Advisory Boards, Zugang zu Pilotkunden, Unterstützung bei Genehmigungsprozessen und bei Bedarf die Verbindung zu Industriepartnern für erste Abnahmeverträge.
Mehr als Geld: Netzwerk, Transfer und die Brücke zur Industrie
Was Start-ups wirklich von den Marvelous-Partnern erwarten dürfen, ist der Zugang zu einem Ökosystem, dessen Player in der Industrie, der Wissenschaft und im Mittelstand sitzen. Die operative Begleitung reicht dabei je nach Phase von der reinen Validierung eines Prototyps in einer „realen“ Umgebung über die Prüfung von Skalierungsmöglichkeiten bis hin zur Vorbereitung größerer Finanzierungsrunden mit internationalen Großfonds oder Family Offices.
Für dich als Gründer*in bedeutet dieses Netzwerk den entscheidenden Unterschied, um „nicht im Labor stehen zu bleiben“. Häufig bemängeln Start-ups, dass klassische VCs nur dann wiederkommen, wenn bereits ein internationaler Kunde unterschrieben hat. Im Gegensatz dazu sind Stiftungskapitalgeber mit langem Zeithorizont eher bereit, Risiken in frühen industriellen Pilotphasen mitzutragen und den Exit-Druck zu mildern.
Sollte dein Projekt in der Advanced-Materials-Szene unterwegs sein, ergibt sich zudem ein Zugang zu internationaler Normung und Zertifizierung, die in vielen Hardwarebereichen sonst Jahre für die Marktfähigkeit kosten.
Die strukturellen Grenzen: Warum der Fund kein Allheilmittel ist
So begrüßenswert der Scito Fund als Experimentierraum und erster Dominoeffekt für weitere gemeinwohlorientierte Fonds ist: Die strukturellen Grundprobleme kannst du damit nicht allein lösen. Niemand darf den Fehler machen, 20 Millionen Euro als die große Lösung für alle DeepTech-Herausforderungen zu werten. Pilotfabriken, Normierungen, Markteinführungen und der Wechsel auf internationale Märkte sprengen schnell jedes Budget. Auch der Scito Fund sieht sich bewusst als Initialzünder, nicht als Projektvollfinanzierer bis zum globalen Scale-Up.
Vielmehr geht es darum, die Schwelle von der „Innovatorenfalle“ zur investorenrelevanten Unternehmensphase zu meistern. Der Fund will Start-ups für größere Investoren sichtbar machen und so das internationale Risiko auf mehrere Schultern verteilen. Die Realität bleibt eindeutig: Kein Start-up kann sich in den genannten Branchen dem Kapitalmix aus Fördermitteln, Industriepartnerschaften, internationalen VC-Gesellschaften und, im besten Fall, eigenem Cashflow entziehen.
Vorreiter für eine neue Förderkultur?
Mit dem Marvelous Scito Fund setzt die Joachim Herz Stiftung ein deutliches Zeichen für eine neue, wirkungsgetriebene Innovationsfinanzierung. Statt sich auf Rückflüsse aus Portfolio-Exits zu fixieren, werden mit dem Scito Fund gezielt gesellschaftlich relevante DeepTech-Sektoren angesteuert. Damit ist das Modell auch ein Signal an staatliche Förderbanken, Ministerien und weitere Förderstiftungen in Deutschland und Europa, die Transformation des Innovationsmodells über klassische Forschungsförderung hinaus aktiv mit voranzutreiben.
Gelingt dieser Kulturwandel, kann Deutschland mittelfristig auch im globalen Konkurrenzkampf bei Hochtechnologie wieder aufschließen. Mutige Mittelgeber, die den langen Exit-Horizont zugunsten gesellschaftlicher Wirkung von Grund auf akzeptieren, sind hierfür essenziell. Für Start-ups eröffnet dies die Chance, wertvolle Eigenentwicklung nicht schon nach der ersten Finanzierungsrunde an US-Investoren verscherbeln zu müssen.
Fazit: Der Scito Fund als Katalysator, nicht als Retter
Deine DeepTech-Idee ist im Labor validiert, Prototypen funktionieren – aber du suchst nach einer Risiko-finanzierung, die mehr ist als reines Wagniskapital? Der Marvelous Scito Fund könnte deine Brücke sein, um das Tal des Todes zu überwinden. Mit seinem Fokus auf Early-Hardware, Netzwerkstärke und gesellschaftlichen Impact setzt er Maßstäbe für moderne, stiftungsnahe Innovationsförderung. Dennoch darfst du dich nicht der Illusion hingeben, hier ein umfassendes „Rundum-Sorglos-Paket“ zu bekommen.
Viel eher ist es die Eintrittskarte in ein ernst gemeintes, europaweit sichtbares Experiment: Wie lassen sich DeepTech-Innovationen so finanzieren, dass sie in internationale Skalierung und strukturell relevante Lösungen für Klima, Industrie und Kreislaufwirtschaft münden? Gelingt es Marvelous und der Joachim Herz Stiftung, auch private Großinvestoren und den Staat zu mobilisieren, dann hat der Scito Fund sein Ziel erreicht. Am Ende aber musst du als Gründer*in weiterhin das Finanzierungs-Puzzle zusammensetzen, Industriepraxis beweisen und den Schritt von der Theorie in die Praxis jeden Tag neu gehen.
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